Barmeile mit legendärer Geschichte

Der Sunset Strip in Hollywood gehört zu den berüchtigtsten Straßenabschnitten. Gespeist wird das Image des Pflasters von Glanz, Glamour und Exzessen, vom Aufstieg und Fall von Weltstars, von legendären Geschichten, die auch heute noch wie ein seidener Schleier über den ansässigen Etablissements liegen. Ob der berauschende Ruf einer nüchternen Realität vorauseilt, ließ sich an einem Freitagabend herausfinden – wenngleich in Eile

Ein brühechter Rockstar nippt selten in der Öffentlichkeit an einer Pina Colada und zupft sich fortwährend seine Kleidung zurecht – was denkt sonst auch die Öffentlichkeit! Und zartgliedrige Top-Models fühlen sich weniger in verrauchten Kaschemmen wohl, in denen ihnen beim Klang der Gitarrenriffs die Ohren flattern. Besser haben es da Schauspieler: Sie dürfen ihre persönliche Präferenzen ungeniert ausleben.

Diese Begebenheiten wären nicht sonderlich erzählenswert, wenn nicht alle diese Charakterschläge auf einem Teilstück von gut drei Meilen ihr Plätzchen bräuchten: dem Sunset Strip. Zuallererst war der Sunset Strip eine Straße. Betoniert, damit Autos darauf fahren. Das Besondere waren die Menschen, die auf der Verkehrsader flanierten.

Bevor die großen Produktionsfirmen sich weitestgehend aus Hollywood zurückzogen, schlossen die Regisseure, Produzenten und Schauspieler morgens ihre Villen in Beverly Hills ab und fuhren über den Sunset Boulevard, um ohne Umwege zur Arbeit zu gelangen. Wir schreiben die 30er Jahre. Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Restaurants, Hotels und Bars an dieser Strecke ansiedelten, denn schließlich verlangt es auch einen Weltstar nach einem Feierabenddrink.

Reporter lauerten damals in den ansässigen Etablissements und verfassten ihre Texte noch mit Schreibmaschine, damit sie in Friseursalons auf der ganzen Welt diskutiert werden. Langsam siedelten sich große Plattenfirmen in der Metropole an. Modelagenturen folgten. Los Angeles wurde die Pilgerstätte von Tagträumern, die mit narzisstischem und naivem Selbstvertrauen im Gepäck auf den großen Erfolg in die Stadt aufbrachen. Nirgends war es dabei wahrscheinlicher, mit Drahtziehern der Branche auf Tuchfühlung zu gehen, als in den einschlägigen Bars auf dem Sunset Strip.

Bar Marmont

Kreuzung Crescent Heights. Bei Michael Minas Feinschmeckerrestaurant XIV rücken die angrenzenden Hügel etwas näher an die Straße. Wie ein Venendickicht schlängeln sich enge Gassen und steile Sträßchen in die Hollywood Hills. Die Plakatwände, Leuchtreklamen und Gebäude werden aufdringlicher. Wir passieren die Hyde Lounge, ein exklusiver Club, an dem bereits um 22:00 Uhr Menschentrauben um Einlass betteln. Um an den Türstehern vorbei zu kommen, gibt es allerdings nur drei Möglichkeiten: Berühmt sein, Beziehungen haben oder für einige hundert Dollar einen Tisch reservieren.

Kaum biegen wir um die nächste Kurve, ragt aus einem botanischen Fundament aus Büschen und Kletterpflanzen ein barockes Schlösschen empor: Das Spitzenhotel Chateau Marmont, das jüngst in dem Film „Somewhere“ von Sofia Coppola als Kulisse diente. Extern zugänglich und etwas vorgelagert ist die Bar Marmont. Bereits im Jahr 1957 eröffnet, kann das Outlet als Institution bezeichnet werden. Der Eingangsbereich wirkt so herabgewirtschaftet, dass es sich nur um ein Designelement handeln kann – schließlich wurde vor einigen Jahren in eine Renovierung rund zwei Millionen Dollar investiert. Hier logierten Jim Morrison oder James Belushi, der sich in einer Suite des Hauses den goldenen Schuss verpasste.

Da die Bar Marmont auch gerne zum Dinieren genutzt wird, bevor ein fließender Übergang in das Nachtleben stattfindet, geht das Speiseangebot über eine kleine Snackkarte hinaus: Steaks, Austern oder Schafsmilch-Ricotta-Gnocchis gehen Hand in Hand mit Sandwiches und Burgern. Die Weinauswahl ist übersichtlich, aber abwechslungsreich. Die Cocktailkarte offeriert neben Klassikern auch ausgefallenere Drinks. Die Entscheidung fällt schwer. Was kredenzte wohl David Beckham, als er letzte Woche hier war?Wir fragen die Bartenderin.

Die adrette Dame lacht: Sie habe keine Ahnung, da sie an diesem Tag frei hatte. Tja, dann zwei Pimm´s No. 1, bitte.Drei verschiedene Bereiche stehen in der Bar zur Verfügung: Ein kleiner Raucherbereich, in dem die Fassade eines Holzhauses für Aufsehen sorgt, dekoriert mit dezentem Kerzenlicht und zahlreichen Grünpflanzen. Direkt angeschlossen ist ein kleinerer Raum mit einer Verschalung aus dunklem Holz, der auch für private Anlässe gebucht werden kann. Im Zentrum steht die Hauptbar. Der Boden: Holzparkett. Die primären Farben: Schwarz und Purpur. Die Dekoration: Großflächige Spiegelelemente, Hunderte Schmetterlinge an der Decke und zahlreiche Gemälde.

Skybar

Auf dem folgenden Weg passieren wir die randvolle Cocktail- und Sportbar Cabo Cantina, bei der uns kurz der Begriff „Bretterverschlag“ durch den Kopf geistert. Kurz hat man Sorge, dass der Einsatz eines Bosten Shakers das Etablissement zum Einsturz bringt. Kurz darauf die Saddle Ranch, die als gastronomisches Outlet in einem Vergnügungspark stehen könnte: Eine Verschalung aus grobschlächtigen Holzbrettern. Aus der Fassade bricht ein Modellhengst mit Cowboy, auf den Balkonen harren kokette Schaufensterpuppen in Korsetts gekleidet … aber wir haben keine Zeit für Klamauk, unser Ziel ist glamouröser.

Zum – von der Öffentlichkeit abgeschirmten – Außenbereich des Mondrian Hotels gehört die Skybar, untergebracht in einem erhöhten Pavillon, an den der Pool des Hauses grenzt. Der gesamte Bereich wird am Abend zu einer der gefragtesten Locations der Stadt. Der Hügel, der hinter dem Anwesen steil abfällt, beschert eine grandiose Aussicht: Hinter einer Abtrennung, die neben weißen Holzverstrebungen und rankenden Pflanzen vor allem aus Glaselementen besteht, entrollt sich Los Angeles wie ein fluoreszierender Teppich in eine verheißungsvolle Nacht.

Hier herrscht Loungecharakter unter Sternenhimmel: Bepolsterte Nischen, Sessel und Liegen; Sitzkissen auf Treppenstufen; kleine Tischchen aus dunklem Holz. Edle Naturmaterialen, zahllose Kerzen, üppige Bepflanzung und ein Blütenmeer bestimmen das exklusive Ambiente. Weiße, leichte Vorhänge gehorchen dem Rhythmus des Windes. Der Gestaltungsstil ist offen, frei, ungezwungen. Wer hier herkommt, möchte sich zeigen, präsentieren, den Kopf beim Lachen in den Nacken werfen … beziehungsweise, wer hier hereinkommt …

Dass Klientel wird vor den Türen sortiert. Erbarmungslos. In den Kreis der Auserwählten kommen diejenigen, die mit entsprechendem Kleingeld einen Tisch – wie auch in der Hyde Lounge – reservieren, über gute Beziehungen auf die Gästeliste gesetzt werden oder so bekannt sind, dass die Türsteher nur freundlich grüßen, bevor sie die Absperrkordel beiseite ziehen. Am späten Abend ist stets ein Reigen an Aussätzigen vor der Tür anzutreffen, ungeduldig tänzelnd, von einem Bein aufs andere. Ein Menschenhäufchen, das versucht, mit Diskussionen und Augenaufschlägen die Phalanx aus Security-Personal in die Knie zu zwingen.

Dieses Etablissement wäre vielleicht der beste Ort, um einen skeptischen Absatz über exzessive Körperkultur zu schreiben, wenn dieser Menschenschlag nicht durchaus schön anzuschauen wäre – seien es nun natürliche oder nachbearbeitete Körper -, dass einem der eigene Organismus etwas underdressed vorkommt. Diese laszive Zurschaustellung gehört zu diesen Bars, ist ein Bestandteil dieser Subkultur. Models, Schauspielerinnen, Modeschöpfer, Künstler: Sie sind hier, dafür ist die Skybar bekannt. Und natürlich auch diejenigen, die nichts davon sind, aber dazu gehören wollen: Frauen, deren Ausstrahlung auch einen Türsteher weich macht.

Man könnte jetzt auch über Keith Richards sprechen oder Elvis Costello, die hier schon einige feuchtfröhliche Abende verbrachten. Oder Cindy Crawfords Ehemann Rande Gerber, der an der Skybar beteiligt war. Man könnte auch schreiben, dass die Qualität der Cocktails gut ist, das Sortiment an Spirituosen ordentlich, die offerierten Snacks schmackhaft aussehen und die Kunststoffgläser, in denen alle Getränke serviert werden – Poolbar! – sich unpässlich in der Hand anfühlen.

Aber eigentlich möchte man nur hier stehen, der beeindruckenden Leistung des DJ´s lauschen und sich über alle Sinnesorgane berauschen lassen. Unter der Wasseroberfläche des Hotelpools der Skybar ist übrigens Musik zu hören. Bei der Richtigkeit dieser Angaben vertrauen wir jedoch blind den Hotelmitarbeitern. Unsere Frisur sitzt nämlich und ein Schlenderschluck in einem letzten Betrieb lässt noch auf sich warten.

Rainbow Bar & Grill

Zwei Stunden später treten wir wieder vor die Türen und wenden uns zielgerichtet nach links. Nach ein paar Gehminuten wird die Straße breiter, die Gebäude niedriger, das Umfeld gehobener. Sunset Plaza. Ein kurzes Wegstück zumindest, denn dann erreicht man plötzlich einige Institutionen, die sich ebenso verrucht präsentieren, wie ihr legendärer Ruf. Der Viper Room war früher eine Jazzbar, genannt Melody Room. Die berüchtigten Gangster Mickey Cohen und Bugsy Siegel, sollen hier illegales Glückspiel betrieben haben. In den Neunzigern wurde der Club kurzzeitig von Johnny Depp betrieben. Die Red Hot Chili Peppers oder Oasis hatten hier Auftritte, bevor ihnen der weltweite Durchbruch vergönnt war. Vor den Türen verstarb der Schauspieler River Phoenix an einer Überdosis eines Speedballs.

Im direkten Blickfeld ist auch das Whiskey A Go-Go, wo einst The Who, The Doors, Led Zeppelin, AC/DC oder Jimi Hendrix spielten. Ein paar Schritte weiter befindet sich das Roxy. Ein Gebäudekubus, konsequent in schwarz gestrichen, sogar die Wasserrohre. Direkt daneben: das Rainbow Bar & Grill und das Ziel des heutigen Abends. Ein Haus, bei dem keine Fenster eingebaut wurden, als ob es angesichts des Klientel unnötiger Aufwand gewesen wäre. Hier sollen in den Fünfzigern Joe Di Maggio und Marilyn Monroe ihr erstes Blind Date gehabt haben, als das Etablissement noch die Villa Nova war. John Belushi verspeiste hier seine letzte Mahlzeit, bevor er sich im Chateau Marmont das Leben nahm.

Die Sitzecken im Innenbereich sind mit rotem Kunstleder bezogen, an den Wänden hängen abgewetzte Gitarren, Bilder von Rockstars und eine Lichterkette, als ob hier täglich ein „Heiliger Abend“ zelebriert wird. Auch dieses Etablissement kann sich nicht richtig entscheiden, ob es lieber Bar oder Restaurant sein möchte, weswegen sich eine skurrile Symbiose gebildet hat: Zwischen harten Gitarrenriffs werden Pizza, Burger, Pasta; Hummer, Rinderfilet und Fisch („any“) serviert. Die Gäste haben vorzugsweise Tätowierungen, an Stellen, die auch bei voller Montur nicht zu übersehen sind. Im Grunde sehen alle aus, als wollten sie ihrem persönlichen Rockstar gefallen, wenn sie ihm heute begegnen.

Schließlich sind alle Bars auf dem Sunset Strip durchtränkt von dieser Nähe zu Stars, die hier eine imaginäre Spur hinterlassen haben. Auch wenn wir in den letzten vier Stunden keinem bekannten Gesicht begegnet sind – abgesehen von Ron Jeremy … räusper – so wäre es auch nicht verwunderlich gewesen, plötzlich neben George Clooney zu stehen, neben Robbie Williams oder Heidi Klum. Die Bars auf dem Sunset Strip sind vielleicht ein Ort, an dem man in Berührung mit einer Welt kommt, die Außenseiter nicht weiter zulässt, als bis hier.

Und man kommt in Berührung mit Geschichte: Im Rainbow Bar & Grill feierten beispielsweise Janis Joplin und Alice Cooper! Als wir mit unseren kühlen Bierflaschen anstoßen und die ersten Klänge von Paradise City erklingen, kommt uns dieser globale Evergreen etwas unpässlich vor: Zu abgedroschen, zu bekannt, zu nahe liegend – vor allem in Hollywood, wo man Trends immer einen Schritt voraus ist. Dann drängt sich die Vorstellung auf, dass die Band Guns ´n´ Roses hier einen Drink schlürfte, nachdem sie den Song nur ein paar Meilen entfernt auf Tonband verewigt hatte! Prompt ist 02:00 Uhr. Rigoroser Schankschluss in den USA. Aber das Ende des Lieds dürfte ja auch bekannt sein: „Oh, won´t you please take me home“.

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